Seit über drei Wochen sind wir nun unterwegs. Es ging quer durch die Türkei, seit Istanbul haben wir mehrere Tausend Kilometer Asphalt hinter uns gelassen. Juri tuckert wacker durch verschiedene Vegetationsgebiete, Stadt wie Land, manchmal bei 31°C, manchmal bei 41°C. Aber er tuckert. Und da ungefähr die Hälfte der Reisezeit vorbei ist, bietet sich ein kleiner Blick hinter die verdreckte Windschutzscheibe an. Jonathan, Louis und ich kennen uns seit ungefähr vier Jahren. In der Nordhäuserstraße 63 litten wir gemeinsam, liefen uns in der Mensa über den Weg oder verschwendeten kostbare Zeit in der Bibliothek. In anderen Erfurter Straßen – dem Dahlbergsweg, der Albrechtstraße, der Lasallestraße – dann die erfreulicheren Ereignisse, mal bei Wasser, Sterni oder Sekt. Eines haben alle Straßen trotzdem gemeinsam: Es wurde viel diskutiert. Über Sozialismus, Monogamie, die Sinnhaftigkeit der Tomorrow-Bank. (Meldet euch, Louis kann euch vermitteln! GREEN INVESTMENTS!!!)

Und auch jetzt auf unserer Reise wird leidenschaftlich gerne diskutiert und manchmal auch gestritten. Gewaltfreie Kommunikation und so. Anfängliche Konflikte zur Reiseroute haben wir inzwischen beigelegt und sind vor der georgischen Grenze rechts abgebogen. Was ich sehr schade fand hat sich inzwischen als die richtige Entscheidung herausgestellt, denn der Südosten der Türkei ist reich an jede Menge alten Dingen, Festungen und Ausgrabungsstätten. Kurzum – es gibt viel zu sehen. Wir haben ein gutes Tempo gefunden, erleben viel und haben eine wunderbare Zeit, zu der auch die gelegentliche Diskussion ganz gut passt. Aber wir stellen nach drei Wochen Farht fest: Bald ist mal wieder Zeit für ein bisschen Urlaub.

Wie, URLAUB? Das ist doch alles Urlaub, was ihr da macht?!

Nein. Wir reisen. Und jetzt, weil ich das schon immer mal machen wollte, meine Theorie zum Reisen und Urlaub machen. Die darf in Zukunft so zitiert werden: Andreae, Jonas: Reisen und Urlaub machen – eine kritische Abgrenzung, in: Juri93, 2022. You are welcome.  

Urlaub
Noch nie war es so einfach, so billig, so verfügbar. Urlaub machen. Rein in den Flieger (Ryanair, 13,99€), raus aus dem Flieger, ran an den Strand. Dann freie Wahl zwischen Eimersaufen, Wampe bräunen, Spaghettieis und Spaghetti all’arrabiata. Für eine Woche haltloses Leben im Überfluss des All-Inclusive Resorts. Dann wieder rein in den Flieger, raus aus dem Flieger, zurück in die Tristesse des bemitleidenswerten Buchalterlebens. 
Sorry, aber wer schon mal im Flugzeug geklatscht hat, muss mit meiner Polemik klarkommen. Sicher kann man auch anders in den Urlaub fahren. Urlaub ist schön, Urlaub macht Spaß. Einfach mal runterkommen, wind-down, chillaxxx. Egal ob auf Malle oder Teneriffa, wer urlauben möchte hat heute eine unglaubliche Auswahl an Destinationen, die auch für einen schmalen Taler erreichbar sind. Das ist in erster Linie gut, wegfahren in den Ferien ist nicht nur für die oberste Oberschicht möglich. Auch wenn sich einige Orte deshalb in Tourismushöllen verwandelt haben, in denen Deutsche wie die Untoten umherwandeln, essen, trinken, konsumieren und ihre ledrige Haut der beißenden Sonne aussetzen. 

Urlaub, das hat der Bundestag 1963 entschieden, soll zur Wiederherstellung und Erhaltung der Arbeitskraft dienen. Blöd nur, wenn man überhaupt keinen Job hat, so wie wir. Wofür soll ich mich denn dann wiederherstellen? Also: nein zum Urlaub, ja zum Reisen.

Reisen
Wer auf Reisen geht, der hat ein gewisses Maß an Anspruch an sich selbst. Man will nicht zurückkommen, ohne irgendeine Form von Erkenntnis. „Reise dich interessant.“ So klang, etwas verführerisch, der Werbeslogan des Online-Reiseanbieters Expedia. Flug gebucht, Reise gemacht, für interessant befunden. Reisen als Selbstzweck, Reisen für die Klicks, für den Fame, für die neidischen Blicke, wenn man die Fotos zeigt oder besser noch für alle Welt postet, um das eigene Image auf Hochglanz zu polieren. Wow, was für ein geiler Typ, der fliegt nach Lima, Nepal, Reykjavik. 

Das es beim Reisen eben nicht darum geht, die eigene Außenwirkung zu optimieren, verkennt der Werbespot. Was bringt es denn, das fünfzigtausendste Foto vor dem Taj Mahal zu machen und gleichzeitig nichts über Indien zu lernen. Nein, wer reist, der lernt und bildet sich, ganz automatisch. Irgendeinen Zweck muss es ja haben, wenn ich die achte Weltkulturerbestätte der Woche besichtigen gehe.

Reisen ist nicht zum Entspannen da, sondern um selbst oder als Gruppe etwas mitzunehmen. Gerade in Regionen, die nicht zum Urlaubmachen gemacht sind, in denen die Speisekarte mit Hand und Fuß übersetzt wird und ein kleines rotes Auto mit Meißener Kennzeichen noch für echte Aufregung sorgt, funktioniert das sehr gut. Eher unfreiwillig haben wir schon einige Türken (eigentlich nur Männer) kennengelernt. Die Gastfreundschaft ist streckenweise erschlagend. Aber wir bekommen etwas mit, ein Grundgefühl für die Region.

Zum Beispiel vom alten Mann mit Stock, der uns in einem kleinen Ort am Vansee ansprach. Direkt im zweiten Satz kam er auf Kurdistan zu sprechen und malte mit seinem Stock die Grenzen der fehlenden Nation in den Sand. Oder der türkische Tourist, der uns im Kaffee fragte, woher wir kommen. Wenig später ging es um die anstehenden Wahlen, an die er nicht glaubt und die eh nur die alten Umstände zementieren werden.
 

All diese Eindrücke machen unsere Reise interessant und abwechslungsreich – aber eben auch ein wenig anstrengend. Deshalb sind wir froh, nächste Woche ein wenig rauszukommen aus der Türkei. Am 11.08. fahren wir auf die Fähre nach Zypern und machen ein bisschen Urlaub. Damit wir danach weiter Reisen können.